Betreff
Zwischenstand zum Projekt „Taxigutscheine“ für Inhaber*innen des ErlangenPass ab 60 Jahren
Vorlage
50/052/2021
Aktenzeichen
V/50
Art
Mitteilung zur Kenntnis

Der Bericht der Verwaltung dient zur Kenntnis.

 

Hintergrund

Das Projekt „Taxigutscheine“ für Inhaber*innen des ErlangenPass wurde im SGA am 23.09.2020 ausführlich vorgestellt (Vorlagen-Nr. 50/012/2020). Mit der Vergabe von Taxi-Gutscheine an diesen Personenkreis sollten in der Zeit der SARS-Cov-2-Pandemie Menschen aus einer Risikogruppe (60 Jahre und älter) und mit geringen Mitteln (Grundsicherungs- oder Wohngeldbezieher*innen) unterstützt werden, auch ohne eigenen PKW notwendige Wege unabhängig vom ÖPNV erledigen zu können. So sollten Mobilität und Selbständigkeit unterstützt und gleichzeitig das Infektionsrisiko vermindert werden.

Mit Beginn der Corona-Impfungen für die Personengruppen erster Priorität erhielten Personen ab 80 Jahren aus dem genannten Kreis der Berechtigten zusätzliche Gutscheine, um unabhängig von finanziellen Einschränkungen und von der Hilfe Dritter auch sicher zum Impfzentrum kommen.

Erste Erfahrungen

Ein erster Zwischenbericht zur Inanspruchnahme wurde im SGA am 11.02.2021 vorgelegt (Vorlagen-Nr. 50/027/2021). Im Zeitraum der ersten 5 Monate nach Projektbeginn wurden die Taxi-Gutscheine von 200 Menschen genutzt. Da je Person mehrfach Gutscheine angefragt werden konnten, wurden insgesamt 285 Gutscheine ausgegeben.

Die Inanspruchnahme lag damit bei rund 44% der zu diesem Zeitpunkt berechtigten Personen. Es wurden jedoch nicht alle abgerufenen Gutscheine tatsächlich auch über die Taxi-Genossenschaft als Projektpartner des Sozialamtes abgerechnet. Deshalb konnte nicht nachvollzogen werden, ob diese auch tatsächlich eingesetzt wurden. Die Gründe für die geringe Quote der abgerechneten Taxigutscheine bleiben unklar. 


Weitere Schritte

Im weiteren Projektverlauf standen deshalb zwei Fragekomplexe im Vordergrund:

(1)    Wird die Altersgruppe der Personen ab 60 Jahren mit den Gutscheinen erreicht?

Insbesondere mit der zweiten und dritten „Welle“ der Corona-Pandemie stellte sich diese Frage in besonderem Maße. Auch wenn die Beschränkungen für soziale Kontakte verstärkt wurden, mussten dennoch weiterhin alltägliche Angelegenheiten erledigt werden (z.B. Gänge zum Arzt; Einkäufe)

(2)    Wie wird das Angebot von den Nutzer*innen der Gutscheine genutzt und bewertet?

Für welche Fahrten werden die Gutscheine vorwiegend eingesetzt, gibt es Barrieren gegenüber einer Inanspruchnahme, wie würde das Angebot bei einer Fortsetzung genutzt werden?

 

Zu (1): Inanspruchnahme der Gutscheine

Eine verstärkte Nachfrage nach den Gutscheinen wurde durch das zusätzliche Angebot von Gutscheinen für Fahrten zum Impfzentrum für Personen ab 80 Jahren erreicht. Insgesamt wurde dies jedoch aktuell lediglich von 19 Personen wahrgenommen (Stand: 02.06.2021).

Zudem wurden die Bezieher*innen ab 60 Jahre, die bisher noch keinen ErlangenPass beantragt hatten, gezielt über das spezielle Angebot der Taxi-Gutscheine informiert. Damit sollte dafür geworben werden, den ErlangenPass zu beantragen.

Der Anstieg der Zahl der Personen, die das Angebot in Anspruch nehmen, und der abgerufenen Taxigutscheine insgesamt im ersten Quartal 2021 lässt sich u.a. auf diese Werbung zurückführen (s. Abb. 1; Stand: 02.06.2021). Unter anderem aufgrund des Schreibens und von Presseberichten haben bisher 80 Personen den ErlangenPass erstmalig beantragt oder nach einer Pause wieder verlängert und gleichzeitig einen Taxigutschein angefordert. 

Die Zahl der abgerufenen Taxi-Gutscheine ist jedoch stärker gestiegen als die Zahl der Personen, die Taxi-Gutscheine anfordern.  Dies verweist darauf, dass ein Teil der Personen, die bereits Gutscheine abgerufen hatten, dieses Angebot in steigendem Maße wiederholt wahrnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1: Inanspruchnahme der Taxi-Gutscheine

 

Das Durchschnittsalter der Personen, die Taxi-Gutscheine nutzen, liegt bei rund 71 Jahren. Die Altersgruppe der 60- bis 69-jährigen Personen macht dabei mit 55,1% etwas mehr als die Hälfte aus. 15,1% sind zwischen 70 und 74 Jahre alt. Die Altersgruppe ab 75 Jahren stellt mit 29,8% die zweitgrößte Gruppe dar. Differenziert man diese Altersgruppe weiter, so sind die 80-Jährigen und älteren mit 18,4% stärker vertreten als die 75- bis 79-Jährigen mit 11,4%.

 

Im Vergleich mit der Gesamtgruppe der ErlangenPass-Inhaber*innen ab 60 Jahren ist der Anteil der Menschen ab 75 Jahren und der hochaltrigen Menschen ab 80 Jahren bei den Nutzer*innen der Taxi-Gutscheine stärker repräsentiert. So befinden sich in der Gesamtgruppe lediglich zu 24,1% Personen im Alter ab 80 Jahren (75-79 Jahre: 9,7%; 80 Jahre und älter: 14,4%).

Auch wenn die jüngste Altersgruppe zwischen 60 und 69 Jahren den Großteil ausmacht, kann damit dennoch festgehalten werden, dass das Angebot zu mehr als einem Viertel auch von den älteren und hochaltrigen Menschen in relevantem Umfang wahrgenommen wurde. Gerade auch diese Personengruppe, in der Mobilitätseinschränkungen zunehmend auftreten können, konnte mit den Taxi-Gutscheinen somit offensichtlich gut erreicht und unterstützt werden. 

 

Zu (2): Erfahrungen der Nutzer*innen mit der Inanspruchnahme

 

Um das Verfahren für die berechtigten Personen unkompliziert und niedrigschwellig zu machen, wurde der Abruf von Taxi-Gutscheinen möglichst einfach gestaltet. Es ist jedoch nicht nachvollziehbar, in welcher Form, wofür und wie häufig Gutscheine eingesetzt wurden. So wurden jeweils Gutscheine im Gesamtwert von 25,- € versandt, die in einzelne Coupons (1 x 10 €, 3 x 5 €) aufgeteilt waren. Diese konnten die Nutzer*innen nach persönlichem Bedarf einsetzen (z.B. im Gesamten, um eine Fahrt insgesamt zu bezahlen, oder aufgeteilt auf mehrere Fahrten, um den selbst zu tragenden Fahrpreis damit zu verringern).

Durch eine telefonische Befragung der Nutzer*innen sollen genauere Erkenntnisse über die Verwendung und den Nutzen der Taxigutscheine gewonnen werden. Aus Sicht der berechtigten Personen soll eingeschätzt werden, in welcher Hinsicht das Angebot für sie nützlich und hilfreich ist.

Die bisherigen Nutzer*innen der Gutscheine werden hierzu schriftlich eingeladen. Angerufen werden sie nur dann, wenn sie ihre Bereitschaft zur Teilnahme durch ein vorbereitetes Rückantwortschreiben bestätigt haben. Die Teilnahme an der Befragung ist freiwillig, die erhobenen Antworten werden anonymisiert gespeichert.

Das Sozialamt hat für die Befragung Leitfragen entwickelt, die folgende Themenkomplexe betreffen:

 

·        Wie haben die Teilnehmenden von dem Angebot erfahren?

·        Auf welchem Weg wurden die Gutscheine angefordert?

·        War die Zeitspanne bis zum Erhalt der Gutscheine ausreichend; hat es hierbei Probleme gegeben?

·        Wie viele Taxifahrten wurden unternommen?

·        In welchem Umfang und in welcher Form (im Gesamtwert oder nach Einzelcoupons aufgeteilt; Kombination aus Gutschein und eigener Zuzahlung bei höherem Fahrpreis) wurden die erhaltenen Gutscheine bereits eingesetzt?

·        Wie wird der Gegenwert der Gutscheine in Höhe von 25€ bewertet?

·        Für welche Gelegenheiten wurden die Taxigutscheine eingesetzt?

·        Würden die Gutscheine auch nach den durch die Pandemie bedingten Einschränkungen genutzt werden?

·        Welche Auswirkungen hätte es auf die persönlichen Umstände, wenn nach der Pandemie keine Taxigutscheine mehr vergeben würden (z.B. weniger Teilhabemöglichkeiten; stärkere Abhängigkeit von anderen oder stärkere Mobilitätseinschränkungen).

 

Die Befragung selbst wird von Mitarbeitenden der Statistikstelle als eine nicht in das Projekt unmittelbare eingebundene Stelle durchgeführt. In Abstimmung mit der Statistikstelle wurden die Interviewleitfragen so aufbereitet, dass eine adäquate Auswertung der Antworten möglich ist.

 

Die Ergebnisse der Befragung stellen eine Grundlage für weitere Schlussfolgerungen im Hinblick auf eine mögliche Fortführung und nutzerfreundliche Gestaltung des Angebots dar.

 

Perspektiven

Das Projekt „Taxi-Gutscheine“ zielt darauf ab, die Teilhabe und selbstbestimmte Alltagsgestaltung von Menschen mit geringen finanziellen Mitteln zu unterstützen. In der Zeit der SARS-Cov-2-Pandemie wurden dabei insbesondere Menschen aus einer der Risikogruppen in den Blick genommen, die durch diese Beschränkungen und ihre zusätzlichen finanziellen Begrenzungen besonders in ihrer Mobilität eingeschränkt waren.

Aus den bisherigen Erfahrungen und statistischen Kennwerte aus dem Modellprojekt „Taxi-Gutscheine“ werden folgende Schlussfolgerungen gezogen:

 

·         für das Angebot sollte weiter geworben werden; möglicherweise kommt durch die zu erwartenden Lockerungen der Kontaktbeschränkungen in den Sommermonaten ein verstärkter Bedarf, z.B. für Fahrten zu gemeinschaftlichen Veranstaltungen, die dann wieder möglich sind;

·         da der weitere Verlauf der Pandemie (und der Impffortschritt) trotz der derzeit günstigen Entwicklung für die nächsten Monate nicht sicher vorhersehbar ist und möglicherweise in den Herbst- und Wintermonaten das Infektionsrisiko wieder steigt, soll das Angebot bis Ende 2021 fortgeführt werden;

·         um das Angebot „passgenauer“ für die Bedürfnisse der betroffenen Menschen und das Nutzerverhalten zu machen, sollen die Ergebnisse der geplanten Befragung herangezogen und in der weiteren Umsetzung des Projekts berücksichtigt werden;

·         je nach weiteren Erfahrungen und Ergebnissen der Befragung soll das Angebot gegebenenfalls über 2021 weitergeführt werden und als regelmäßiges Angebot im ErlangenPass etabliert werden.

 

Seit 2018 ist die Zahl der ErlangenPass-Inhaber*innen, die aufgrund von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (SGB XII, 4. Kapitel) berechtigt hierzu sind, von 304 auf 334 in 2020 gestiegen. Zum 01.06.2021 sind bereits 376 Inhaber*innen zu verzeichnen, so dass bis zum Ende des Jahres eine erneute Steigerung gegenüber dem Vorjahr zu erwarten ist.

Bisher werden mit dem ErlangenPass jedoch vorwiegend jüngere Personengruppen erreicht. Ein möglicher Grund hierfür könnte sein, dass für die Gruppe der Älteren das Angebotsspektrum des ErlangenPass noch zu wenig auf ihre besonderen Bedürfnisse ausgerichtet ist.

Die Gruppe der Menschen ab 65 Jahren stellt lediglich einen Anteil von 5,7% an allen ErlangenPass-Inhaber*innen (Stand: 2019). Demgegenüber überwiegen die Altersgruppen bis 25 Jahre mit einem Anteil von 49,1% und von 26 bis 64 Jahren mit einem Anteil von 45,2% deutlich.

Die Zahl der Personen, die Grundsicherung im Alter erhalten (und damit für den ErlangenPass berechtigt sind), steigt jedoch. So ist die Zahl der Bezieher*innen von Grundsicherung im Alter (65 Jahre und älter) zwischen 2016 und 2020 von 493 auf 536 angestiegen (plus 8,7%). Dies betrifft insbesondere die Altersgruppe von 65 bis unter 75 Jahre (von 307 auf 346 Personen), die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bis ins höchste Alter auf Grundsicherung angewiesen bleiben werden. Der Anteil der Menschen ab 65 Jahren und älter, die Grundsicherung im Alter beziehen, an der Gesamtbevölkerung ab 65 Jahren, steigt seit fast 10 Jahren kontinuierlich an (2012: 2,76%; 2020: 3,62%).

Auch über die besonderen Umstände der Pandemie hinaus könnten die Taxi-Gutscheine das Angebotsspektrum der mit dem ErlangenPass möglichen Vergünstigungen gerade für ältere Menschen attraktiver machen.

 

 

Wie die Öffentlichkeitsarbeit für die Taxi-Gutscheine gezeigt hat, wurde ein Teil der berechtigten Menschen durch dieses modellhafte Angebot motiviert, erstmals den ErlangenPass zu beantragen. Damit können sie auch weitere Vergünstigungen in Anspruch nehmen, die ihnen bisher möglicherweise zu wenig bekannt waren, die ihre Teilhabechancen aber weiter stärken könnten.

Damit könnte der ErlangenPass als „Instrument“ der Teilhabeförderung für ältere Menschen mit geringen finanziellen Mitteln gestärkt und attraktiver gemacht werden.

Über die Ergebnisse der Befragung zu den Taxi-Gutscheinen und die weiteren Schlussfolgerungen hieraus wird im SGA wieder berichtet.

Anlagen: