Betreff
15. Internationaler Comic-Salon 2012, vorläufiger Abschlussbericht
Vorlage
KPB/022/2012
Aktenzeichen
IV/47/BBL
Art
Mitteilung zur Kenntnis

Der Bericht der Verwaltung dient zur Kenntnis.

15. Internationaler Comic-Salon 2012
Vorläufiger Abschlussbericht

 

Zahlen und Fakten

 

Ausstellungen.............................................................................................................................. 24

Aussteller Messe und Börse......................................................................................................... 187

Veranstaltungen Rahmenprogramm.............................................................................................. 156

offiziell gemeldete Signierstunden............................................................................................... 711

Veranstaltungsorte....................................................................................................................... 24

 

Besucher Messe und Ausstellungen Heinrich-Lades-Halle........................................................... 16.020

Besucher Ausstellungen Stadtgebiet........................................................................................... 9.600

Besucher Veranstaltungen Rahmenprogramm............................................................................. 4.990

Besucher gesamt.................................................................................................................... 30.610

Offiziell gemeldete Besucherzahl..................................................................................... über 25.000

 

Aussteller-Ausweise................................................................................................................... 737

Künstler-Ausweise *................................................................................................................... 516

Ausweise Partner, Gäste, Fachbesucher, Sonstige........................................................................... 545

Presse-Ausweise......................................................................................................................... 285

Mitwirkende Schülerinnen und Schüler „Schüler – Stadt – Comic“.................................................. 188

 

Artikel in Printmedien................................................................................................................ 321

Artikel in den Online-Medien Top 60 **...................................................................................... 147

Meldungen von Nachrichtenagenturen............................................................................................ 21

Beiträge in Fernsehen, Teletext und Hörfunk.................................................................................. 26

Reichweite Printmedien und Teletext in Mio.............................................................................. 56,35

Pagevisits Online-Medien Top 60...................................................................................... 76.074.292

 

Ausgaben.................................................................................................................... 510.000 €***

Einnahmen.................................................................................................................. 260.000 €***

Haushaltsmittel............................................................................................................ 250.000 €***

 

 

*    Herkunft der Künstler (A-Z): Ägypten, Algerien, Belgien, Bulgarien, Chile, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Haiti, Indonesien, Italien, Japan, Jordanien, Kasachstan, Kroatien, Luxemburg, Marokko, Neuseeland, Niederlanden, Österreich, Palästinensische Gebiete, Polen, Russland, Schweden, Schweiz, Serbien, Spanien, Tschechien, Tunesien, Türkei, Ukraine, USA

**   Beobachtet wurden nur die 60 wichtigsten Online-Seiten

*** Finanz-Zahlen 2012 vorläufig, Abrechnung noch nicht abgeschlossen

 

 

Bilanz

 

1. Besucher

 

Die positive Besucherentwicklung der Jahre 2008 und 2010 konnte auch 2012 fortgeschrieben werden. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand besuchten über 30.000 Comic-Kunst-Interessierte das Kongresszentrum Heinrich-Lades-Halle, die 24 Ausstellungen im ganzen Stadtgebiet und die über 150 Veranstaltungen des breit gefächerten Rahmenprogramms. Aufgrund der Tatsache, dass für einen Großteil der Veranstaltungen und Ausstellungen im Stadtgebiet zum Zeitpunkt der offiziellen Abschluss-Pressemitteilung am Mittag des letzten Veranstaltungstags nur grobe Schätzungen vorliegen konnten, wurde die vorsichtige Zahl von „über 25.000 Besuchern“ gemeldet. Dabei war deutlich zu beobachten, dass nicht nur die Comic-Messe mit 150 Ausstellern, über 400 Künstlerinnen und Künstlern und annähernd 1.000 Signierstunden die Faszination des alle zwei Jahre stattfindenden Festivals ausmacht, sondern dass auch die Ausstellungen und das Comic-Podium mit Vorträgen und Diskussionsrunden gleichermaßen gut besucht wurden. Offensichtlich wächst das Bedürfnis des Publikums stetig, sich vertiefend mit dem Medium Comic auseinanderzusetzen.

 

2. Inhalte

 

Der 15. Internationale Comic-Salon präsentierte sich so international wie selten zuvor. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut wurden Künstlerinnen und Künstler aus Indonesien, Russland und aus dem arabischen Raum nach Erlangen eingeladen. Allein in der Hauptausstellung des diesjährigen Salons mit dem Titel „Illustration der Geschichte – Comics aus der arabischen Welt“, die sich mit der Rolle der Comics im gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozess in Nordafrika und im Nahen Osten auseinandersetzt, wurden Arbeiten von über 50 Künstlerinnen und Künstlern aus Ägypten, Algerien, Marokko, Tunesien, dem Libanon, Jordanien, den Palästinensischen Gebieten und Syrien präsentiert, mehr als 20 von ihnen waren in Erlangen anwesend. Im Mittelpunkt des Interesses stand der ägyptische Zeichner Magdy El-Shafee, dessen Graphic Novel „Metro“ – in Ägypten nach wie vor verboten – zum Salon in deutscher Sprache erschienen ist. Informationen zu den Künstlerinnen und Künstlern, ihren Werken, den historischen und politischen Hintergründen wurden in dieser Ausstellung über QR-Codes und iPads vermittelt, ein Angebot, das von den Besuchern sehr gut angenommen wurde. Außerdem fanden in der Ausstellung Skype-Interviews unter anderem mit syrischen Künstlern statt, die nicht in Erlangen anwesend sein konnten. Die Integration sozialer Netzwerke und interaktiver Technologien in eine neue Ausstellungskonzeption kann als geglückt bezeichnet werden. Auf große Resonanz stießen auch die Ausstellungen zum 50. Geburtstag von Spider-Man, über den Comic- und Trickfilm-Pionier Winsor McCay, die Retrospektive des einflussreichen französischen Comic-Autors David B. und die Werkschau des amerikanischen Ausnahme-Künstlers Charles Burns, der neben dem Max und Moritz-Lebenswerk-Preisträger Lorenzo Mattotti zu den Stars des 15. Internationalen Comic-Salons Erlangen gehörte.

 

3. Kulturelle Bildung

 

Auf gemeinsame Initiative des Kulturprojektbüros (Internationaler Comic-Salon und Kulturservice für Schulen und Kitas – KS:ER) und der Jugendkunstschule fand mit „Schüler – Stadt – Comic“ in diesem Jahr im Vorfeld und begleitend zum Festival zum ersten Mal ein großes Schulprojekt statt: 188 Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Erlanger Bildungseinrichtungen hatten seit den Osterferien in Workshops mit renommierten Comic-Künstlern und Kunstpädagogen gezeichnet und geschrieben. Im Mittelpunkt standen die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen und ihre Umsetzung in die Sprache des Comics: Wie erfinde ich eine Geschichte? Wie entwickle ich eine Figur? Wie verbindet man Text und Bild? Entstanden sind originelle Bildergeschichten und neue Comic-Helden. Ein Teil der 481 Einzelarbeiten wurde in einer gemeinsamen Präsentation an 15 Stationen in der Erlanger Innenstadt ausgestellt – deutlich erkennbar an den roten Punkten auf den Bürgersteigen und dem MAUSS-Maskottchen. Beteiligte Einrichtungen waren: Christian-Ernst-Gymnasium, Erich Kästner-Schule, Max-und-Justine-Elsner-Schule, Jugendkunstschule, Jugendlernstube Bruck, Ernst-Penzoldt-Mittelschule, Hermann-Hedenus-Mittelschule, Realschule am Europakanal, Stadtbibliothek, Städtische Wirtschaftsschule im Röthelheimpark, Hort Liegnitzer Straße. Unterstützt wurde das Projekt von der MAUSS Bau Erlangen GmbH & Co. KG sowie der Hermann Gutmann Stiftung.

 

4. Medien-Resonanz

 

Die politische Ausrichtung des 15. Internationalen Comic-Salons sowie der Schwerpunkt mit Comics aus dem arabischen Raum haben zu einem großen Medienecho geführt: Beinahe alle großen deutschsprachigen Tageszeitungen – Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Der Tagesspiegel Berlin, die tageszeitung, Süddeutsche Zeitung, Stuttgarter Zeitung, Westdeutsche Allgemeine, Neue Zürcher Zeitung usw., sowie die zentralen Online-Medien spiegel.de, stern.de, focus.de, bild.de, welt.de, zeit.de, n-tv.de, news.de – berichteten über den Salon, mehrere Meldungen der Deutschen Presseagentur sorgten für Verbreitung auch in den regionalen Zeitungen, die Tagesschau, das Bayerische Fernsehen, Arte, 3sat, der Deutschlandfunk sowie zahlreiche öffentlich-rechtliche und private Rundfunksender nahmen den Salon in ihre Sendungen auf.

 

5. Finanzen

 

Zu den Finanzen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine abschließende Aussage möglich. Durch den ambitionierten Festival-Schwerpunkt mit der Einladung zahlreicher Comic-Künstler aus dem arabischen Raum, die innovative Vermittlung von Hintergrund-Informationen zu den Künstlern und ihren Heimatländern über mobile media und das Großprojekt „Schüler – Stadt – Comic“ sind trotz der Unterstützung u. a. durch institutionelle Förderer wie das Goethe-Institut höhere Ausgaben entstanden als zunächst kalkuliert. Die Einnahmen konnten gegenüber 2010 jedoch um mehr als 20.000 Euro gesteigert werden. Der Einnahmeansatz war zu Planungsbeginn jedoch noch höher kalkuliert, leider ist es in diesem Jahr – selbst mit Unterstützung des Oberbürgermeisters – nicht gelungen, einen Hauptsponsor für den Internationalen Comic-Salon zu finden. Eine weitgehende Kostenstabilität im Saldo im Vergleich zu 2010 und 2008 ließ sich zuletzt jedoch nur durch die konsequente Konzentration auf das Programm und Einsparungen im Bereich des Marketings aufrecht halten. Die Veranstalter wurden von den Besuchern jedoch immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass das aus der Vergangenheit bekannte Ambiente im öffentlichen Raum, wie Fahnenschmuck und Dekorationen am Bahnhofsplatz schmerzlich vermisst würden.

 

6. Ausblick

 

„Der einzige Nachteil am Internationalen Comic-Salon Erlangen ist, dass er nur alle zwei Jahre stattfindet“ – so Johann Ulrich, Chef des Berliner avant-verlags, der seine Jahresplanung ganz auf Erlangen ausgerichtet hat. Sehr zufrieden äußerte sich auch der Vertreter des Panini-Verlags Steffen Volkmer, der großes Interesse am DC-Relaunch beobachten konnte und sich darüber freut, dass mit vielen jungen Besuchern und Familien neue Zielgruppen für den Comic erschlossen werden können. Dirk Rehm vom Berliner Graphic Novel-Verlag Reprodukt sprach vom „besten Salon aller Zeiten“. Zum Abschluss des Internationalen Comic-Salons kann man optimistisch nach vorne blicken. Wachsende Anerkennung, abwechslungsreiche Verlagsprogramme, herausragende Comic-Künstler, und ein anspruchsvolles und interessiertes Publikum lassen bereits heute einen spannenden 16. Internationalen Comic-Salon erwarten, der vom 19. bis 22. Juni 2014 sein 30-jähriges Jubiläum feiern wird.

 

7. Kooperationspartner/Unterstützer

 

Bulls Press, Siemens AG, NH-Hotel Erlangen, MAUSS Bau Erlangen GmbH & Co. KG, Sixt GmbH & Co Autovermietung KG, Der Beck, FMS – Der Apple Premium Reseller Erlangen, Goethe-Institute Moskau, Kairo, Jakarta, Amman und Rabat, Black.Light Project (Hannover), Comicon Napoli, Beeld Beeld (Leuwen/Belgien), NPN – Nationales Performance Netz, dFi – deutsch-französisches Institut Erlangen, Französische Botschaft Berlin, Institut Français, Kunstmuseum Erlangen e. V., Kunstverein Erlangen e. V., Kunstpalais, Stadtbibliothek Erlangen, Gummi-Wörner Kulturzentrale, Theater Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Theater- und Medienwissenschaft, Hermann Gutmann Stiftung, Jugendkunstschule Erlangen (JuKS), Agentur Contours (Hamburg), Mérimée Conseil (Angles-sur-l’Anglin/Frank­reich), German Academy of Comic Art, walz 2 consult (Überlingen), Glücklicher Montag (Leipzig), caravain – contemporary communication arts (Nürnberg), Manhattan-Kinos, Lamm-Lichtspiele, Das Lamm muss laufen! e. V., CineStar – Der Filmpalast, JNK Media, www.splashcomics.de, www.mycomics.de, www.mehrwertzone.net

 

 

Ausgewählte Pressestimmen

 

Focus online  www.focus.de, 7. Juni 2012

Comics zum Nahostkonflikt oder zu den revolutionären Umbrüchen im arabischen Raum neben dem klassischen Superhelden: Am Donnerstag hat der Internationale Comic-Salon in Erlangen seine Tore geöffnet. Im Mittelpunkt des viertägigen Festivals (bis 10. Juni) stehen die Themen Politik und Geschichte. Die Hauptausstellung beleuchtet die arabische Comic-Szene und zeigt Werke von Künstlern aus Marokko, dem Libanon, Tunesien, Ägypten oder Jordanien, deren Alltag von Krieg und politischen Unruhen geprägt ist. (…) Zu sehen sind unter anderem Karikaturen des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak oder des früheren Diktators von Libyen, Muammar al-Gaddafi. Ein Comic-Strip des tunesischen Künstlers Aladin Abu Taleb zeigt, wie bei einer Demonstration Soldaten der Regierung auf die Seite der Bevölkerung wechseln. Doch auch die deutschen Künstler widmen sich verstärkt gesellschaftspolitischen Themen. Als die ersten Comicromane vor einigen Jahren auf den Markt gekommen seien, hätten sie vor allem autobiografische Geschichten erzählt, erläutert Festivalleiter Bodo Birk. Inzwischen setzten sich viele Zeichner dagegen mit der jüngeren Geschichte Deutschlands auseinander, etwa mit jüdischen Schicksalen im Zweiten Weltkrieg oder dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan.

 

Der Tagesspiegel  Lars von Törne, 8. Juni 2012

Zeichner und Autoren mischen sich in Debatten ein, arbeiten Sachthemen auf oder nehmen politisch Stellung. Es geht um das Afghanistan-Debakel der Bundeswehr, die Auswirkungen des Nationalsozialismus oder den Kalten Krieg. Die grafische Erzählung wird als Medium des sozialen und politischen Diskurses wieder entdeckt. In Frankreich und den USA werden schon seit längerem politische Ereignisse in Comics behandelt, aktuellste Beispiele sind „Gaza“ von Joe Sacco und „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ von Guy Delisle. In Deutschland haben sich Comicautoren bisher nur selten an derartige Themen gewagt. Etwa der Berliner Reinhard Kleist. Nachdem er mit seiner Comic-Biografie „Castro“ auch im Ausland Erfolge feierte, hat er jetzt in seiner Graphic Novel „Der Boxer“ das Leben des jüdischen Boxers Hertzko Haft nachgezeichnet. Haft musste im KZ zur Unterhaltung der Wachleute gegen andere Gefangene um sein Leben kämpfen und machte später in den USA Karriere. Öffentlich zugängliche Fotos oder Filme von den oft geheimen Bundeswehreinsätzen dürften ebenso rar sein wie Bilder von Hertzko Hafts Leidensgeschichte. So haben Comics anderen Medien etwas voraus: die Fantasie der Zeichner.

 

Süddeutsche Zeitung  Christoph Haas, 11. Juni 2012

Wie wenig wir dennoch nach wie vor über Comics als globales Phänomen wissen, das konnte man, verblüfft und beglückt zugleich, am vergangenen Wochenende beim 15. Erlanger Comic-Salon erfahren. Inspiriert vom Arabischen Frühling, widmete sich die Hauptausstellung diesmal Comics aus dem Maghreb und Ägypten, aus Syrien, dem Libanon und Palästina. Das war einerseits ein Zeichen von politischem Engagement, wie es in der nerdlastigen Comic-Szene nicht selbstverständlich ist. Andererseits war es wunderbar zu sehen, dass die ausgestellten Arbeiten keinerlei politischen oder kulturellen Bonus benötigten: Sie waren nicht nur von vielfältiger Machart, sondern durchweg von so hoher, teilweise außerordentlicher künstlerischer Qualität, dass es schwer fällt, einzelne Künstler herauszustellen. (…) Besonders ins Auge stachen allerdings die Blätter der libanesischen Zeichnerin Zeina Abirached, deren autobiographische Comics ihre Kindheit im vom Bürgerkrieg zerrissenen Beirut der achtziger Jahre schildern. Politische und soziale Konflikte wurden in den ausgestellten Comics teils erstaunlich offen, teils verschlüsselt angesprochen. In einer Kurzgeschichte des Tunesiers Aladin Abu Taleb skandieren Demonstranten: "We are not dead people!" Am Schluss wird aber deutlich, dass in ihren Kleidern nur Skelette stecken, genauso unter den Uniformen der Polizisten, die sie brutal zusammenknüppeln.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung  Thomas Vorwerk, 11. Juni 2012

Kunst und Kommerz, Klebebildchen und Kostüme – der Erlanger Comic-Salon ist ein geschäftiges Gesamtkunstwerk, das alle zwei Jahre zu Fronleichnam Freunde der neunten Kunst versammelt, um alle Facetten und Randgebiete der Bilderzählung aufzuzeigen. (…) Doch auch dem ernsthaften Interessenten an der Kunstform wird mehr geboten, als man in vier Tagen wahrnehmen kann. Künstlergespräche, Podiumsdiskussionen, Workshops, Comicforschung – allein mit den mehr als zwanzig Ausstellungen kann man sich lange befassen. Zu den kuratorischen Höhepunkten gehört die weitgereiste Sammlung mit Werken des Amerikaners Charles Burns („Black Hole“), der mit seinem markanten Strich gern ein Schattendasein in Amerika darstellt. Oder der graphisch ähnlich gelagerte Franzose David B. („Die heilige Krankheit“), dessen Ausstellung auf die im deutschen Sprachraum erschienenen Comics abhebt. (…) Während die meisten Ausstellungen sich mit der künstlerischen Vergangenheit befassen (Winsor McCay, fünfzig Jahre „Spider-Man“), zeigt eine Schau Werke, die keine Woche alt sind. Das „Black.Light Project“ visualisiert mit Fotos, Texten, Animationen und Comics einen Massenmord in Sierra Leone, wo ein einziger Überlebender eines komplett vernichteten Dorfes, der Junge Morie, von den Tätern verschont und mit menschenverachtendem Zynismus zum Oberhaupt des Dorfes erklärt wird. Ausgehend von Bild- und Textreportagen von Wolf Böwig und Pedro Mendes trafen sich zu einem Workshop Künstler wie George Pratt, Stefano Ricci oder David von Bassewitz mit den Initiatoren und einem Zeitzeugen der Verbrechen – die ersten Ergebnisse dieses Projekts waren schon zu begutachten.

 

die tageszeitung  Katja Lüthge, 11. Juni 2012

In Konkurrenz zu anderen großkulturellen Ereignissen fand vom 7.–10. Juni zum 15. Mal der Internationale Comic-Salon in Erlangen statt, und die Entwicklung, den das ehedem männlich dominierte, eher unangenehm nerdige Festival in den letzten Jahren genommen hat, ist ausgesprochen erfreulich. Es riecht nicht nur besser, derart vielseitig ist das aus Ausstellungen, Verlagsmesse, Panel-Diskussionen, Künstlergesprächen, Nachwuchsförderung und begleitenden Filmen bestehende Programm mittlerweile, dass ein Wochenende leider nicht reicht, um auch nur annähernd alles wahrnehmen zu können.

Vor allem die bewusste Hinwendung zum Comic-Geschehen in aller Welt trägt dabei anschaulich lehrreiche Früchte. So wäre in diesem Jahr allein die Ausstellung „Illustration der Geschichte. Comics aus der arabischen Welt“ der Kuratoren Anna Gabai und Paul Derouet eine Reise in die fränkische Kleinstadt wert gewesen. Hierzulande kaum zu sehende Werke aus dem Libanon, Tunesien, Algerien, Marokko, Ägypten, Jordanien, Syrien und den palästinensischen Gebieten waren zu entdecken und zu bestaunen. Deren Bildsprache ist, so der erste Eindruck, bei aller Fremdheit der Schrift überraschend gut zu lesen.

 

Zeit online  www.zeit.de, 11. Juni 2012

Bedrückend und beeindruckend zugleich: Der 15. Erlanger Comic-Salon widmete sich in diesem Jahr insbesondere den politischen Werken des Genres. In der Vergangenheit wurden Besucher des Comic-Salons fast ausschließlich von niedlichen Comichelden in Erlangen begrüßt. Einladend sollten sie aussehen und familienfreundlich sein. Auf dem diesjährigen Poster des amerikanischen Stargasts Charles Burns hingegen ist nur ein grotesk deformierter Wurm zu sehen, der seinen Betrachter ankreischt. Statt einzuladen, stößt dieses Bild ab – und dennoch ist Wegschauen keine Option, es strahlt eine ungeahnte Faszination aus. Das Plakat steht stellvertretend für die neue Ausrichtung des Comicfestivals, hin zum Unschönen und zum Verdrängten. Hinter der Fassade des lustigen Comics brodelt es. Präsentiert sich Erlangen mit dem 15. Comic-Salon am vergangenen Wochenende als freundliche Comicmetropole, mahnt das burns'sche Plakat an jeder Hausecke dazu, sich dem Verdrängten endlich zu stellen. Im Comic wurde das Politische viel zu lange ignoriert. Der Comic-Salon soll nicht länger mehr nur niedlich sein, sagt der Festivalleiter Bodo Birk, er muss sich dem gesellschaftlichen Wandel hin zum Politischen stellen. Beeindruckend und bedrückend zugleich zeigt der ansonsten so fröhliche Comic, wie er auch mit Themen umgehen kann, die allein beim Zuschauen die Schmerzen und die Trauer der Betroffenen vermitteln.

 

Stuttgarter Zeitung  Rupert Kopold, 12. Juni 2012

Ausstellungen, Workshops, Führungen, Künstlergespräche, Diskussionen und ungezählte Signierstunden: der größere Teil davon spielt sich rund um das Rathaus und die angegliederte Kongresshalle ab. Auf der Open Air Bühne des Vorplatzes wird etwa die „Battle der Comicmagazine“ ausgetragen (…) Ein New Yorker Galerist bietet an seinem Stand stolz Originale an, für eine vom Altmeister Robert Crumb skizzierte stämmige Frau im Minirock verlangt er 11 500 Dollar. (…)  Vorwiegend weibliche Manga Fans haben sich auch wieder papageienbunte Kostüme geschneidert, paradieren als Cosplay-Grüppchen durch die Menge und begegnen schwarzen Anhängern der Gothic Fraktion oder dem Schnitter Tod in brauner Kutte, der Joscha Sauers „Nicht lustig“-Cartoons entsprungen ist. Der Panini Verlag stellt den Relaunch der DC Superhelden vor, im Reich von Superman, Batman und Co. wird nämlich gerade alles wieder zurück auf Anfang gestellt. Und im „Black Light Project“ dagegen beschäftigen sich Künstler mit den Grausamkeiten der realen Welt, sie haben pulitzerpreisgekrönte Reportagen in düstere Zeichnungen umgesetzt. Auf das Thema Gewalt ist die große Kongresshallen Ausstellung der etwa dreißig Künstler aus der arabischen Welt natürlich nicht zu reduzieren, dafür ist die Bandbreite der Genres viel zu groß. Und doch tauchen in diesen auch stilistisch erstaunlich vielfältigen Arbeiten immer wieder Polizeihelme und Knüppel auf, schlägt sich die arabische Revolution also ganz buchstäblich nieder. Über den einzelnen Kabinen sind hier bebilderte Satellitenschüsseln angebracht, die symbolisch auf die digitale Vernetzung der arabischen Welt hinweisen.

 

Neues Deutschland  Ralf Hutter, 12. Juni 2012

Thematisch anspruchsvolle Bücher werden gemeinhin und unnötigerweise auch formal anspruchsvoll aufbereitet, nämlich als reine Textwüste. Dabei ist der Sehsinn wohl der aufnahmefähigste, sensibelste, den wir haben. Das zu ignorieren spaltet die Gesellschaft in kulturelle Klassen. Viel zu lange haben alle, die sich intellektuell nennen, die visuelle Kommunikation den politischen Propagandisten und den Tunichtguten bei Kino und Fernsehen überlassen. Der soeben zu Ende gegangene 15. Internationale Comic-Salon in Erlangen zeigte die gegenläufigen Tendenzen. Grafische Romane und Reportagen können Verständnis erleichtern und geradezu aufklärend sein. Wie wichtig das gerade auch für historische Themen sein kann, zeigt das eindringliche, halbrealistisch gezeichnete Buch „Der Boxer“ von Reinhard Kleist, in dem es um einen jungen Juden geht, der im KZ gezwungen wird, zur Belustigung der SS gegen Häftlinge zu boxen – wobei die jeweiligen Verlierer getötet werden. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, zeigte sich bei der Buchvorstellung beeindruckt von den fiktiven Innenansichten der KZ-Baracken, und er kündigte entsprechend grafisch orientierte Ausstellungen in seinem Haus an. (…) Dass Illustrationen notwendig Zumutungen sein können, zeigt das in Erlangen vorgestellte Projekt „Black. Light“. Reportagen und Fotos aus den vom Despoten Charles Taylor angezettelten Kriegen in Westafrika sollen grafisch umgesetzt werden. Die Ergebnisse werden in den von den Gräueln betroffenen Ländern gezeigt und sollen in einer von mündlicher Weitergabe und Analphabetismus geprägten Welt die Aufarbeitung erleichtern. Renommierte Zeichner, die ansonsten auch Superhelden kreieren, haben sich an die Arbeit gemacht. Auch der Italiener Lorenzo Mattotti, der den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk erhielt, ist dabei. John Garrick, Pfarrer und Aktivist aus Sierra Leone, sagte in Erlangen: „Diese Illustrationen sind für viele von uns eine neue Form Journalismus.“

 

Anlagen: -