Kunst am Bau - Empfehlung der Kunstkommission für BBGZ Erlangen

Betreff
Kunst am Bau - Empfehlung der Kunstkommission für BBGZ Erlangen
Vorlage
47/030/2021
Aktenzeichen
IV/47/GA020
Art
Beschlussvorlage

1.  Der Bericht der Verwaltung wird zur Kenntnis genommen.

2.  Der Empfehlung der Kunstkommission zur Umsetzung des Entwurfs „99 % Wasser“ von Julius von Bismarck wird gefolgt.

3.  Die Verwaltung wird beauftragt, die Maßnahme „Kunst am Bau BBGZ Erlangen“ umzusetzen.

1.   Ergebnis/Wirkungen

Am BBGZ Erlangen befindet sich ein dauerhaftes, hochwertiges und in Teilen partizipatives Kunstwerk, das sich mit der Funktion der Gebäudeteile (Vierfachsporthalle, Familienzentrum mit Kindertagesstätte sowie DAV Vereins- und Kletterzentrum), der Architektur des Gebäudekomplexes und der Verbindung seiner Teile auseinandersetzt. Das Kunstwerk trägt zur Identifikation der Bürger*innen mit dem Ort bei und tritt als künstlerische Intervention in einen Dialog mit den Besucher*innen.

 

2.   Programme / Produkte / Leistungen / Auflagen

      Im Rahmen eines zweistufigen, europaweiten Wettbewerbs wurde eine künstlerische Position für Kunst am Bau am BBGZ Erlangen gesucht. Die erste, offene Wettbewerbsstufe umfasste das Einreichen von künstlerischen Portfolios und den Nachweis von Referenzwerken, die die Befähigung zur Realisierung eines derartigen Projekts belegten. Aus 108 eingegangenen Bewerbungen wurden durch die Vorjury zehn künstlerische Positionen ausgewählt, die zur Teilnahme an der zweiten, beschränkten Wettbewerbsstufe eingeladen wurden. Diese zehn Künstler*innen waren: Andreas Oehlert, Michael Sailstorfer, Julius von Bismarck, realities:united (Jan & Tim Edler), Yarisal & Kublitz (Ronnie Yarisal und Katja Kublitz), Dellbrügge & de Moll (Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll), M + M (Martin De Mattia und Marc Weis), Alona Rodeh, Sarah Schönfeld und Zeller & Moye (Sarah Schönfeld, Christoph Zeller und Ingrid Moye). Alle Künstler*innen gaben ihre Entwürfe bis zum 12.03.2021 fristgerecht und vollständig beim Kulturamt ab. Am 19.03.2021 wurden die Entwürfe im Rahmen einer technischen Vorprüfung auf ihre Realisierbarkeit und mögliche Sicherheitsbedenken hin geprüft. Beanstandungen wurden durch die Künstler*innen nachgebessert. Damit konnten alle Entwürfe als realisierbar eingestuft werden. Am 16.04.2021 trat die Jury, bestehend aus Mitgliedern der Kunstkommission und dem Nutzervertreter, Ulrich Klement, Leiter des Amtes für Sport und Gesundheitsförderung der Stadt Erlangen, sowie der extern eingeladenen Juryleitung, Dr. Eva Kraus, Intendantin der Bundeskunsthalle Bonn, zusammen. Der Architekt des Bauprojektes BBGZ Erlangen, Stephan Leissle, Behnisch Architekten, sowie der verantwortliche Projektleiter der Stadt Erlangen, Manfred Schelle, standen beratend zur Verfügung.

 

3.   Prozesse und Strukturen

Aufgrund der aktuellen Situation durch die Covid-19-Pandemie und die bestehenden Kontaktbeschränkungen wurde die Jurysitzung digital durchgeführt. Alle Mitglieder der Jury hatten vorab die Möglichkeit, die Entwürfe einzusehen. Die Modelle konnten im Museumswinkel in Augenschein genommen werden. Zudem wurden diese sowie die Beschreibungen und eingereichten Unterlagen digital aufbereitet und zugänglich gemacht.

Die Jury begutachtete die zehn eingereichten Entwürfe in aller Genauigkeit. Nach ausführlichen Diskussionen wurde die Empfehlung ausgesprochen, dem Stadtrat den Entwurf „99 % Wasser“ von Julius von Bismarck zur Umsetzung vorzuschlagen.

 

Detaillierte Abstimmungen zum Vorgehen und zur Installation werden im Anschluss mit dem Künstler getroffen und vertraglich geregelt. Der Realisierungsprozess wird engmaschig durch das Kulturamt und die Abt. 472 betreut.

 

Beschreibung des Kunstwerks (s. auch Anlagen)

 

Die Arbeit „99 % Wasser“ besteht aus einer Mehrzahl von Skulpturen, die auf dem Gelände des BBGZ verteilt werden. (Die genaue Anzahl der Skulpturen muss im Prozess bestimmt werden. Größenordnung sind 7 - 9 skulpturale Elemente.) Die Skulpturen sind hochskalierte, detailgetreue Nachbildungen von Schweißkristallen. In einem partizipativen Prozess werden die Bewohner*innen Erlangens, vorrangig Mitglieder derjenigen Erlanger Sportvereine, die später ihre sportliche Heimat im BBGZ finden werden, zur Teilnahme aufgerufen. In einem speziellen Verfahren wird der Schweiß der Bürger*innen gesammelt und getrocknet. Unter dem Mikroskop können die verbleibenden Schweißkristalle sichtbar gemacht werden. Da die Zusammensetzung des Schweißes individuell ist, werden sich die tatsächlichen Formen der kristallinen Strukturen von den im Rendering gezeigten Modellstrukturen unterscheiden. Ziel ist, die Skulpturen aus unterschiedlichen Kristallstrukturen zusammenzusetzen. Durch die 100.000-fache Vergrößerung der Kristalle erfahren diese eine neue Sichtbarkeit. Zitat aus der Beschreibung des Künstlers:

 

Durch die Übersetzung der Schweißtröpfchen in visuelle und physische Objekte sollen die Skulpturen das Bewusstsein für die Spuren schärfen, die Menschen hinterlassen, und gleichzeitig die Schönheit dessen hervorheben, was Menschen gemeinsam schaffen können.

 

Die einzelnen Elemente werden aus Aluminiumguss gefertigt und in der Höhe variiert: die Spannbreite der Höhen beträgt 15 cm bis 400 cm. Jeweils vor der Vierfachsporthalle und dem Familienzentrum werden solitäre Einzelskulpturen oder Skulpturenarrangements aufgestellt. Die Elemente greifen auch in den Innenraum der Vierfachsporthalle und werden in den Umkleidekabinen sowie am Umgang in der Vierfachsporthalle befestigt. Die Kristalle werden so platziert, dass sie den Eindruck erwecken, sie würden aus der Architektur und umgebenden Landschaft herauswachsen. Durch die Einbeziehung beider städtischer Gebäudeteile wird die Kunst am Bau zu einem zusätzlich verbindenden Element.

 

Aufgrund von Sicherheitsbedenken der technischen Vorprüfung hat der Künstler einen überarbeiteten Entwurf vorgelegt, der eine Abrundung der Kanten und Spitzen vorsieht. Die Jury hat diesen Sicherheitsaspekt in ihre Bewertung miteinbezogen und für ebenso gut befunden. Die Jury lehnt die Überarbeitungsvariante einer Umzäunung als zu starken Eingriff in die künstlerische Ausdrucksweise ab. Die Jury plädiert dafür, die genaue Form der Kristalle in Absprache mit dem Künstler während der Realisierung des Kunstwerks an die Sicherheitsvorgaben der Stadt Erlangen anzupassen, da alle bislang vorliegenden Strukturen und deren Modelle lediglich als Beispiele fungieren. Mittels einer Sicherheitsprüfung soll die Vereinbarkeit der Integrität des künstlerischen Entwurfs und der Einhaltung von Sicherheitsstandards gewährleistet werden. Ein derartiges Vorgehen ist im Bereich Kunst am Bau üblich.

 

Begründung der Entscheidung der Jury

 

Die künstlerische Idee der Arbeit „99 % Wasser“ greift die Funktion des Ortes als Bürger-, Begegnungs- und Gesundheitszentrum in einer innovativen und zugleich positiven, witzigen Herangehensweise auf. Die Einbeziehung der Nutzer*innen und ihre Verbindung zum Gebäudekomplex manifestiert sich in dem partizipativen Gedanken, der dem Kunstwerk zugrunde liegt.

 

Die Wettbewerbsaufgabe formulierte folgende Zielsetzungen:

Das Kunstwerk soll Bezüge zwischen den Gebäudeteilen herstellen und die architektonische Verklammerung reflektieren. Für das BBGZ als Ort des Miteinanders ist eine positive Konnotation des Kunstwerks erforderlich. Das Kunstwerk kann als Multiplikator dienen, der die Identifikation der Bürger*innen mit dem Gebäude stärkt.

 

Nach Maßgabe der Jury erfüllt der Entwurf „99 % Wasser“ von Julius von Bismarck diese Anforderungen in hohem Maße. Die Positionierung der einzelnen Skulpturen fördert die Verbindung der Gebäudeteile und trägt vor allem durch den Wiedererkennungswert der Elemente dazu bei, dass die Orte Vierfachsporthalle und Familienzentrum als Einheit wahrgenommen werden. Damit unterstützt der Entwurf die Aufgabe des Gebäudes als Bürger-, Begegnungs- und Gesundheitszentrum.

 

Das Verwenden des alltäglichen Elements Schweiß ist zugleich überraschend und innovativ. Schweiß gehört zu den oft eher verheimlichten Funktionen des menschlichen Körpers. Im Bereich des Sports jedoch ist Schweiß etwas Positives, da er als Zeichen von erfolgreicher körperlicher Betätigung und Anstrengung bewertet wird. Julius von Bismarck greift diese positive Zuschreibung auf und abstrahiert sie zugleich in besonders ansprechender Weise. Die künstlerische Herangehensweise beinhaltet das Sichtbarmachen des Unsichtbaren: Schweiß besteht zu 99 % aus Wasser und zu einem 1 % aus Aluminiumsalzen. Die Arbeit „99 % Wasser“ macht somit die unsichtbaren 1 % für die Besucher*innen visuell erfahrbar. Die Abstraktion der Formen und ihre hohe ästhetische Wirkkraft gehen ein spannendes Zusammenspiel mit der inhaltlichen Ebene des Kunstwerks ein.

 

Jedes Element wirkt jedoch ebenso für sich als Skulptur, da alle Elemente aufgrund ihrer Materialität eine gelungene Verbindung mit der Architektur eingehen. Aluminium wird als Werkstoff für das BBGZ verwendet. Damit nimmt das Kunstwerk die bereits bestehende Ästhetik und Formensprache des Baus auf, um sie künstlerisch neu zu interpretieren, weiterzudenken und in andere Ausdrucksformen zu überführen. 

 

Nutzer*innen und Besucher*innen erkennen den Bezug des Kunstwerks zu sich selbst als Menschen und zu dem Gebäudekomplex. Die Teilnahme von schwitzenden Menschen am Entstehungsprozess ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Kunstwerks und kann die Identifizierung mit dem Kunstwerk maßgeblich fördern. Diese Identifikation überträgt sich im besten Fall auch auf den Bau. Damit treten Werk und Architektur in einen fruchtbaren Dialog.

 

Das Kunstwerk „99 % Wasser“ ist für alle Besucher*innengruppen des BBGZ, gleich welcher Herkunft, Sprache oder kultureller Vorbildung, verständlich. Seine hohe ästhetische Wirkkraft und die prozessuale Herangehensweise spiegeln die Funktion des Gebäudes wieder: Die Kunst wird zum Mittel und zum Akteur der Begegnung.

 

Die Wettbewerbsjury empfiehlt der Ausloberin daher, den Künstler Julius von Bismarck mit der Realisierung des Werkes „99 % Wasser“ für das BBGZ zu beauftragen.

 

 

 

Biografie

 

Julius von Bismarck ist 1983 in Breisach am Rhein, Deutschland, geboren.

 

2012 – 2013     Universität der Künste Berlin, Germany, Meisterschüler,

                         Professor Olafur Eliasson
2009                 Universität der Künste Berlin, Germany, Institut für Raumexperimente, 

                         Professor Olafur Eliasson 

2007                 Hunter College New York, USA, MFA-Program
2006                 Universität der Künste Berlin, Germany, Visual Communication, Digital Class,

                         Professor Joachim Sauter

2005                 Universität der Künste Berlin, Germany, Visual Communication

 

Julius von Bismarck lebt und arbeitet in Berlin.

 

Preise und Stipendien

 

2018                 Award of the Shifting Foundation, Beverly Hills, USA
2017                 Junge Stadt sieht Junge Kunst, Preis der Stadt Wolfsburg, Deutschland
2013                 IBB Photography Award, IBB Atrium, Berlin, Deutschland
2011                 Prix Ars Electronica Collide@CERN, Linz, Österreich; CERN, Schweiz
2010                 Beep Electronic Art Award, Madrid, Spanien
2009                 Prix Ars Electronica mit dem Perpetual Storytelling Apparatus, Linz, Österreich 

                         Auswahl der Jury - Japan Media Arts Festival 09, Tokyo, Japan

2008                 Award Golden Nica mit dem Image Fulgurator bei Prix Ars Electronica, Linz,            Österreich

 

Einzelausstellungen (Auswahl)

 

2021
NEUSTADT, mit Marta Dyachenko, Emscherkunstweg, Bochum, Deutschland

2020
Feuer mit Feuer, Bundeskunsthalle Bonn, Deutschland 
Berliner Luft, Folge 12, mit Julian Charrière, Dittrich & Schlechtriem, Berlin, Deutschland

2019
Art Club#28, Villa Medici, Rom, Italien
Baumanalyse, Haus Mödrath - Räume für Kunst, Kerpen, Deutschland
Die Mimik der Thetys, Palais de Tokyo, Paris, Frankreich 

2018
Objects in Mirror Might Be Closer Than They Appear, mit Julian Charrière, Swiss Institute, New York, USA 
I’m afraid I must ask you to leave, mit Julian Charrière, Kunstpalais Erlangen, Deutschland


2017
Gewaltenteilung, Städtische Galerie, Wolfsburg, Deutschland

Good Weather, Marlborough Contemporary, New York, USA


2016
Desert Now, mit Julian Charrière und Felix Kiessling, Steve Turner, Los Angeles, USA


2015
Landscape Painting, Marlborough Chelsea, New York, USA 

Tiere sind dumm und Pflanzen noch viel dümmer, Kunstverein Göttingen, Deutschland

 

Gruppenausstellungen (Auswahl)

 

2021
SEE STÜCKE - Fakten und Fiktion, Alfred Ehrhardt Stiftung, Berlin, Deutschland

2020
Parallel Worlds. Art, Science & Fiction, Kunstmuseum Celle, Celle, Deutschland

So wie wir sind 2.0, Weserburg I Museum für moderne Kunst, Bremen, Deutschland

2019
Just a bowl of cherries, 7th Thessaloniki Biennale, Experimental Center for the Arts, Thessaloniki, Griechenland 
Nowness Experiments: The Mesh, mit Julian Charrière, K11 Art Foundation, Shanghai, China
MASKE Kunst der Verwandlung, Kunstmuseum Bonn, Deutschland
Elementarteile. Grundbausteine des Sprengel Museum Hannover und seiner Kunst, Sprengel Museum Hannover, Deutschland

2018
Public Face, mit Benjamin Maus und Richard Wilhelmer, Hamburg, Deutschland
Im Zweifel für den Zweifel, NRW Forum, Düsseldorf, Deutschland

Are you satisfied? Aktuelle Kunst und Revolution, Stadtgalerie Kiel, Deutschland

Entfesselte Natur - Das Bild der Katastrophe seit 1600, Hamburger Kunsthalle, Deutschland

Power to the People, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, Deutschland

 

 

4.   Klimaschutz:

 

Entscheidungsrelevante Auswirkungen auf den Klimaschutz:

 

             ja, positiv*

             ja, negativ*

             nein

 

Wenn ja, negativ:

Bestehen alternative Handlungsoptionen?

 

              ja*

              nein*

 

*Erläuterungen dazu sind in der Begründung aufzuführen.

 

 

Falls es sich um negative Auswirkungen auf den Klimaschutz handelt und eine alternative Handlungsoption nicht vorhanden ist bzw. dem Stadtrat nicht zur Entscheidung vorgeschlagen werden soll, ist eine Begründung zu formulieren.

 

 

5.   Ressourcen
(Welche Ressourcen sind zur Realisierung des Leistungsangebotes erforderlich?)

Investitionskosten:

€ 266.000

bei IPNr.:

Sachkosten:

bei Sachkonto:

Personalkosten (brutto):

bei Sachkonto:

Folgekosten

bei Sachkonto:

Korrespondierende Einnahmen

bei Sachkonto:

Weitere Ressourcen

 

 

Haushaltsmittel

              werden nicht benötigt

              sind vorhanden auf IvP-Nr. 424F.400

                        bzw. im Budget auf Kst/KTr/Sk        

                    sind nicht vorhanden

Anlagen:

Entwurfsbeschreibung des Künstlers

Plakate zum künstlerischen Entwurf

Nachbesserungsvorschläge des Entwurfs