Aktueller Stand: Schaffung eines Ortes der Erinnerung an die Ermordung von Menschen mit psychischer Erkrankung der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen / Bauvorhaben ZPM und TRC IV

Betreff
Aktueller Stand: Schaffung eines Ortes der Erinnerung an die Ermordung von Menschen mit psychischer Erkrankung der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen / Bauvorhaben ZPM und TRC IV
Vorlage
13/003/2020
Aktenzeichen
OBM/13
Art
Mitteilung zur Kenntnis

Der Bericht der Verwaltung dient zur Kenntnis.

Im Jahr 2015 haben alle im damaligen Stadtrat vertretenen Fraktionen und Gruppierungen die Schaffung eines „Ortes der Erinnerung“ an die Ermordung von Menschen mit psychischer Erkrankung der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen (HuPfla) beantragt und die Verwaltung gebeten, dazu in den Dialog zu treten (Fraktionsantrag 001/2015).

 

Die Stadt hat in der Folge einen Beirat zur Errichtung einer Gedenkstätte für die „Euthanasie“-Opfer ins Leben gerufen. Dem Beirat gehören die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, das Universitätsklinikum Erlangen, der Bezirk Mittelfranken, das Bezirksklinikum und die Stadt Erlangen sowie weitere Organisationen, z.B. das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V., das Max-Planck-Institut und die jüdische Kultusgemeinde, an. Der Beirat tagte seit Februar 2017 insgesamt siebzehn Mal, zuletzt am 24.01. und am 18.05.2020 (per Videokonferenz). Im November 2018 wurden im Rahmen einer öffentlichen Podiumsdiskussion durch Vertreter verschiedener Gedenkstätten unterschiedliche Formen der Erinnerungsarbeit vorgestellt und im Anschluss diskutiert.

 

Wie zuletzt in Vorlage 13/298/2019 dargestellt, ist der Nordcampus des Universitätsklinikums Gegenstand umfassender Planungen zur Ansiedelung weiterer Einrichtungen der medizinischen Spitzenforschung, die zu Ausbau und Profilierung des Medizinstandorts Erlangen beitragen. Konkret plant das Klinikum die Errichtung des Translational Research Center (TRC) IV im Westen und, direkt angrenzend, die Max-Planck-Gesellschaft das Zentrum für Physik und Medizin (ZPM). Baubeginn soll noch in diesem Jahr sein. Auch die Neubauten TRC II und TRC III sind Bestandteil dieser Planungen. Durch die Bauvorhaben war in der Vergangenheit der vollständige Abriss des Gebäudes Schwabachanlage 10 vorgesehen. Der Stadtrat hat die Vorhaben mit großer Mehrheit begrüßt (Vorlage 611/155/2016) und mehrfach bekräftigt, zuletzt mit Vorlage 13/298/2019. Nach der Erteilung verschiedener Vorbescheide wurden im Dezember 2019 bzw. Februar 2020 entsprechende Teilabbruch- und Baugenehmigungen für die Vorhaben ZPM und TRC IV erteilt.

 

Im Verlauf der Diskussion in der Stadtöffentlichkeit rückte das Universitätsklinikum Ende 2018 mit Blick auf den Symbolwert des Gebäudes Schwabachanlage 10 als einzig verbliebenes Gebäude, welches mit den Opfern verknüpft ist, von der Notwendigkeit des vollständigen Abrisses des Gebäudes ab (vgl. Vorlage 13/283/2018), um dem Beirat und der Stadtgesellschaft eine ergebnisoffene Diskussion über die Verortung der Gedenkstätte zu ermöglichen. Im Raum stand damals der Erhalt des sog. Ostkopfes, also des östlichen Abschlusses des Gebäudes Schwabachanlage 10. Im Juli 2019 wurden der renommierte Gedenkstättenexperte Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Julius Scharnetzky mit der Erstellung eines Rahmenkonzepts für einen künftigen Lern- und Gedenkort beauftragt.

 

Das Rahmenkonzept soll im Juni 2020 vorliegen und in geeigneter Form öffentlich vorgestellt werden. Schon bei der öffentlichen Auftaktveranstaltung im November 2019 haben Dr. Skriebeleit und Herr Scharnetzky dargelegt, dass bei den NS-Verbrechen in der Stadt auch andere Orte eine Rolle gespielt haben, der Fokus also erweitert werden müsse. Das Rahmenkonzept wird daher sowohl erste Aussagen zu Möglichkeiten des Gedenkens auf dem eigentlichen Areal der HuPfla, aber auch an anderen Orten in der Stadt enthalten, die mit Blick auf die Verbrechen eine Rolle gespielt haben. Anschließend wird das Rahmenkonzept den Ausgangspunkt für die Erarbeitung der Gesamtkonzeption des Gedenkens in der Stadt bilden. Mit Blick auf das Areal der HuPfla hat sich aus Sicht der Gedenkstättenexperten schon früh im Prozess herausgestellt, dass der bislang zum Abriss vorgesehene Mittelrisalit des Gebäudes Schwabachanlage 10 für das künftige Gedenken aus verschiedenen Gründen eine herausgehobene Rolle spielt.

 

Aus Anlass einer Petition des Stadtheimatpflegers beim Bayerischen Landtag zum Erhalt des Gebäudes Schwabachanlage 10 fand im November 2019 eine Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst des bayerischen Landtags statt. Im Ergebnis wurde das Klinikum beauftragt zu prüfen, inwiefern eine Umplanung der Gebäude TRC II und TRC III so möglich ist, dass das nach den Teilabbrüchen verbleibende Restgebäude (Mittelrisalit und Osthälfte) erhalten werden kann.

 

Unterdessen bemüht sich das Universitätsklinikum derzeit um die Akquise von Drittmitteln für die geplanten Forschungsgebäude TRC II und TRC III.

 

Angesichts dieser Entwicklungen - der aus Sicht der Gedenkstättenexperten herausgehobenen Rolle des Mittelrisalit und der vom Landtagsausschuss geforderten Umplanung - hat das Universitätsklinikum seine Planungen in den vergangenen Monaten überarbeitet. Im Ergebnis können die Gebäude TRC II und TRC III so angeordnet werden, dass für den Lern- und Gedenkort der Mittelrisalit des Gebäudes sowie jeweils ein kurzer Ost- und ein Westflügel (jeweils drei Fensterachsen, jeweils ca. 14 m Länge) erhalten bleiben können.

 

Infolgedessen hat die Max-Planck-Gesellschaft im April 2020 mit Blick auf die westliche Gebäudehälfte einen veränderten Abbruchantrag bei der Stadt eingereicht. Ein Bescheid steht noch aus. Der Abbruchantrag sieht entsprechend der erfolgten Umplanung eine Verschiebung der Abbruchkante um ca. 14 m nach Westen vor.

 

Parallel dazu läuft seit Oktober 2019 ein zunächst auf zwei Jahre angesetztes Forschungsprojekt in Kooperation von Stadtarchiv und Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der FAU, das sich mit dem Thema NS-„Euthanasie“ in Erlangen beschäftigt und dessen Ergebnisse auch in die Vorbereitung des Lern- und Gedenkortes einfließen sollen. Es wird von der Stadt Erlangen, der FAU, dem Universitätsklinikum, dem Bezirk und den Bezirkskliniken Mittelfranken gemeinsam finanziert (siehe dazu Vorlage 13/298/2019).

 

Zu den aktuellen Entwicklungen, dem Rahmenkonzept und den ersten Überlegungen zur Trägerschaft des Gedenkorts wird die Verwaltung dem Stadtrat noch vor der Sommerpause einen Beschluss vorlegen.

 

Anlagen:             Historischer Geländeplan der Heil- und Pflegeanstalt von 1897

Lageplan Vorschlag Universitätsklinikum Erlangen Mai 2020