Der Bericht der Verwaltung dient zur Kenntnis.
1. Hintergrund
Zum Stichtag 31.01.2026 waren in Erlangen 276 wohnungslose Menschen ordnungsrechtlich in städtischen Unterkünften untergebracht (siehe Beschlussvorlage zur „Lage auf dem sozialen Wohnungsmarkt“ in diesem SGA/WA-EJC). Grundsätzlich sollte es sich hierbei stets um eine vorübergehende Notunterbringung in einem Wohnungsnotfall handeln und die betroffenen Menschen möglichst rasch wieder in ein gesichertes mietvertragliches Wohnverhältnis zurückkehren können. Rund 56 Prozent der wohnungslosen Menschen in Erlangen lebten zum Stichtag 31.01.2026 jedoch bereits seit einem bis zwei Jahren in einer Wohnungslosenunterkunft, rund jede fünfte Person vier und mehr Jahre. Der angespannte Wohnungsmarkt erschwert es zunehmend, nach einem Wohnungsverlust wieder eine bezahlbare Mietwohnung zu finden. Zu materiell prekären Lebenslagen kommen zudem häufig weitere individuelle Probleme hinzu, beispielsweise Arbeitsplatzverlust, chronische Erkrankungen, Substanzmissbrauch oder psychische Beeinträchtigungen, aber auch Vorbehalte bei Vermieter*innen gegenüber wohnungslosen Menschen.
Die Bewohner*innen in den Verfügungswohnungen erhalten daher Unterstützung durch den sozialpädagogischen Dienst für Wohnungsnotfälle in Amt 50. In komplexen und lange bestehenden, verfestigten Problemlagen ist jedoch eine engmaschigere, sehr niedrigschwellige, intensive alltagsorientierte und psychosoziale Begleitung und Unterstützung notwendig.
2. Pilotprojekt Möhrendorfer Straße
Im Zuge der Einrichtung einer neuen Wohnungslosenunterkunft in der Möhrendorfer Straße als Nachfolgeobjekt für die Unterkunft im Schwalbenweg wurde ein Konzept entwickelt, um sozialpädagogische Unterstützung verstärkt in den Alltag der wohnungslosen Menschen zu integrieren.
Die damit verbundenen Leistungen umfassen:
· sozialpädagogische Fachberatung nach §§ 67 SGB XII einschließlich der Unterstützung bei der Inanspruchnahme des Hilfesystems und gesetzlicher Leistungen;
· Unterstützung bei der Tagesstrukturierung und eines geregelten Tagesablaufs sowie bei der
· Stabilisierung und Verbesserung von Alltagskompetenzen, von Eigenverantwortung und
· Selbständigkeit;
· Förderung und Unterstützung bei Selbstversorgung, Sozialverhalten und gegebenenfalls begleitetem Wohnen bis hin zur Vermittlung in eigenen, dauerhaften Wohnraum;
· bedarfsweise Beratung und Motivierung zur Inanspruchnahme therapeutischer Hilfen bei psychischer Problematik oder Substanzmissbrauch;
· Konfliktmanagement im Sozialraum (beispielsweise als Ansprechpartner für die
Nachbarschaft bei Fragen oder Problemen).
Mit der Durchführung dieser Leistungen wurde im Rahmen einer Ausschreibung der Internationale Bund e.V. – IB-Wohnungslosenhilfe Bayern beauftragt. Der IB e.V. verfügt über jahrzehntelange, hohe Erfahrung in der Wohnungslosenhilfe von ambulanten Hilfen über Betreuung in Beherbergungsbetrieben und Wohnprojekten bis hin zu Langzeithilfen. Die Zuweisung in die Unterkunft erfolgt dagegen über die Wohnungslosenhilfe beim Sozialamt, da hier die Gesamtsteuerung für die Unterbringung wohnungsloser Menschen angesiedelt ist.
Die Belegung der Unterkunft erfolgte ab Januar 2025. Die Besetzung des Beratungsbüros in der Unterkunft mit sozialpädagogischen Fachpersonen erfolgte Anfang 2025.
Der IB e.V. hat statistische Daten und wesentliche Erfahrungen mit diesem konzeptionellen Ansatz aus dem ersten Jahr des Betriebs der Unterkunft im Jahresbericht 2025 dargestellt. Nachfolgend werden wesentliche Ergebnisse daraus zusammengefasst. Der Jahresbericht liegt als Anlage bei.
3. Jahresbericht 2025 Möhrendorfer Straße
Als Nachfolgeeinrichtung für die frühere Unterkunft im Schwalbenweg ist die Unterkunft Möhrendorfer Straße in der Regel für wohnungslose erwachsene Männer vorgesehen.
Die Unterkunft verfügt im Erdgeschoß und in der ersten Etage über insgesamt 16 Einzelzimmer, die mit Waschbecken, Kochgelegenheit, Bett und Schrank ausgestattet sind. Im Keller befindet sich ein weiteres Einzelappartement. Duschgelegenheiten und Toiletten werden gemeinschaftlich genutzt.
In der zweiten Etage, die durch einen separaten Eingang zu erreichen ist, befinden sich fünf Appartements für jeweils bis zu zwei Personen. Diese verfügen jeweils über einen eigenen Sanitärraum. Hier ist unter bestimmten Bedingungen eine andere Belegung mit Personen im familiären Kontext möglich
(zum Beispiel alleinerziehende Elternteile).
Darüber hinaus verfügt das Objekt über einen großen Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten. Die Sozialberatung liegt leicht erreichbar im Erdgeschoß.
Die Sozialberatung wird an fünf Tagen in der Woche durch zwei sozialpädagogische Fachpersonen (ein Mann, eine Frau) mit jeweils 35 beziehungsweise 34 Wochenarbeitsstunden geleistet. Zu einer festen Kernzeit zwischen 9 und 14 Uhr stehen diese niedrigschwellig erreichbar zur Verfügung. Darüber hinaus sind Gespräche auch außerhalb dieser Kernzeit sowie zu gesondert vereinbarten Terminen möglich. Bei Bedarf werden die Bewohner in ihren Zimmern aufgesucht.
Neben der individuellen Beratung und Unterstützung werden gemeinschaftliche Aktivitäten organisiert, beispielsweise ein monatlicher Frühstückstreff oder eine Weihnachtsfeier. Solche Angebote dienen dazu, die individuelle Unterstützung und Beratung zu ergänzen, soziale Teilhabe zu ermöglichen und sozialer Isolation entgegenzuwirken sowie zur psychischen und sozialen Stabilisierung der Bewohner beizutragen. Darüber hinaus tragen solche Aktivitäten zum Vertrauens- und Beziehungsaufbau zu den sozialpädagogischen Fachpersonen bei.
Zum Stichtag 31.12.2025 waren aufsummiert über das gesamte Jahr 2025 hinweg insgesamt 34 Personen der Unterkunft zugewiesen. Dabei machten die Altersgruppen 18 bis 27 Jahre (26,5 Prozent) und 28 bis 40 Jahre (29,4 Prozent) mit insgesamt 55,9 Prozent die Mehrheit der Bewohnerschaft aus. Fast zwei Drittel (rund 63,6 Prozent) waren ledig. Die weiteren Bewohner waren geschieden oder befanden sich zum Zeitpunkt des Aufenthalts im Trennungsprozess. Bei weiteren Bewohnern konnten zum Status keine Daten erhoben werden.
Innerhalb des Berichtsjahrs 2025 gab es insgesamt 15 Auszüge, der Großteil davon aufgrund eines Wechsels in eine andere Unterkunft (40 Prozent). Da ein großer Anteil der Bewohner bereits aus anderen Unterkünften in die Unterkunft Möhrendorfer Straße gewechselt war, bildet sich hier ein häufiger Verlauf verfestigter Wohnungslosigkeit ab. Weitere Unterkunftswechsel erfolgten beispielsweise aufgrund andauernder Abwesenheiten ohne Nutzung des Zimmers, wegen des Endes der Kostenübernahme, wegen mangelnder Offenheit für das Hilfekonzept, aufgrund von Verstößen gegen die Hausordnung oder wegen Haftantritt. Darüber hinaus gab es im Berichtszeitraum einen Todesfall. Fünf Bewohner konnten innerhalb des ersten Jahres die Wohnungslosigkeit durch Umzug in eigenen Wohnraum beziehungsweise in eine vom Arbeitgeber bereitgestellte Wohngelegenheit (Wohnmobil) beenden.
Ein wichtiger Ansatz des Konzepts ist es, dass die sozialpädagogischen Fachpersonen sich mit anderen Akteur*innen der Wohnungslosenhilfe vernetzen. Kontakte bestehen neben der Zusammenarbeit mit der Wohnungslosenhilfe in Amt 50 etwa zur Schuldnerberatung, zur Tagesstätte „Willi-Treff“ und zur Tafel.
Bereits vor Bezug des Objekts wurden in der Öffentlichkeit große Vorbehalte und deutliche bis aggressiv vorgetragene Ablehnung gegenüber dem Vorhaben und der künftigen Bewohnerschaft laut. Die Kontaktpflege zum sozialräumlichen Umfeld ist daher ein wichtiger konzeptioneller Baustein, um die Akzeptanz und Integration der wohnungslosen Menschen in ihr Wohnumfeld zu fördern. Dass dies im Sinne eines sozial verträglichen, unterstützenden Miteinanders möglich ist, zeigt die großzügige Spendenbereitschaft aus der benachbarten Bewohnerschaft, von lokal ansässigen Unternehmen und der Erlanger Bürgerstiftung.
4. Resümee
Das erste Jahr der Unterkunft Möhrendorfer Straße war von Personalgewinnung, organisatorischen Aufgaben und der Kontaktaufnahme und Vertrauensbildung der sozialpädagogischen Fachpersonen zu den Bewohnern geprägt. Dennoch konnten bereits wesentliche Akzente in der sozialpädagogischen Unterstützung und der Akzeptanz durch die Bewohner, in der fachlichen Vernetzung und der Integration in das Wohnumfeld gesetzt werden. Damit besteht eine gute Grundlage für die weitere Festigung und Fortschreibung des Hilfeangebots. Schwerpunkte sollen gezielte Projekte wie etwa die Unterstützung bei Bewerbungen für Arbeitsstellen und insbesondere die Nachsorge und Übergangsbegleitung nach dem Wechsel aus der Wohnungslosigkeit in eine eigene Wohnung sein. Hier ist eine stabilisierende Begleitung notwendig, um diese Herausforderung zu bewältigen. Die Erfahrungen des ersten Jahres zeigen, dass der Weg aus der Wohnungslosigkeit mit fachlicher Begleitung und Unterstützung nachhaltig möglich ist.
Anlage: IB-Wohnungslosenhilfe Bayern (2025).
Sozialberatung Möhrendorfer Straße
(MDS).Jahresbericht 2025
