SPD-Fraktionsantrag-Nr. 294/2009 vom 01.12.2009, Entwicklung des Stadtmuseums zum "Museum der Stadt Erlangen"

Betreff
SPD-Fraktionsantrag-Nr. 294/2009 vom 01.12.2009, Entwicklung des Stadtmuseums zum "Museum der Stadt Erlangen"
Vorlage
452/002/2010
Aktenzeichen
IV/461/ETC
Art
Beschlussvorlage

1. Der Sachbericht wird zur Kenntnis genommen.
2. Der SPD-Fraktionsantrag Nr.  294/2009 vom 01.12.2009 ist damit bearbeitet.

Entwicklungsperspektiven des Stadtmuseums

 

1.) Das Museum im Umbruch

Das Museum befindet sich gegenwärtig in einer Umbruchphase, die sich vor allem aus zwei miteinander verknüpften Entwicklungen ergeben hat.

 

1.) Der Archivauszug: Mit der Entscheidung, das Archiv im Museumswinkel zu lokalisieren, ist die Diskussion um die Schaffung eines „Stadthistorischen Zentrums“ am Martin-Luther-Platz, die in den in den 80iger und 90er Jahren geführt wurde, definitiv zu ihrem Ende gekommen. Anstelle eines „Stadthistorischen Zentrums“ wird es fortan zwei räumlich und organisatorisch getrennte Einrichtungen geben, die sich mit Stadtgeschichte befassen. Vor diesem Hintergrund muss geklärt werden, worin die spezifischen Beiträge von Stadtmuseum und Stadtarchiv jeweils bestehen und in welchen Bereichen Kooperationen sinnvoll und unerlässlich sind.

 

Eine weitere Konsequenz des Archivauszugs besteht darin, dass die bisherigen Dienstgebäude des Archivs nun vom Museum genutzt werden können. Damit sind erstmals die räumlichen Voraussetzungen gegeben, um die seit langem geplante Museumserweiterung am Altstädter Kirchenplatz 7 (Pinoli-Haus) realisieren zu können.

 

2.) Der Abschied vom großen  Wissenschaftsmuseum. Das Thema „Museumswinkel“ hat über zehn Jahre hinweg die Diskussion im Kulturbereich beherrscht. Das Ergebnis ist bekannt: Nach dem vom Stadtrat verabschiedeten Entwicklungsgutachten sollte das Stadtmuseum zu einem „Museumsquartier“ ausgebaut werden, um hier ein „Wissensmuseum“ von nationaler Bedeutung zu realisieren. Das überdimensionierte Projekt fand infolge der hohen Investitionskosten und des wenig überzeugenden Raumkonzepts (geplante Teilüberbauung des Museumshofs) kaum Befürworter.

 

Geblieben ist aber die Frage, ob eine kleinere Version des „Wissenschaftsmuseums“ in absehbarer Zeit realisiert werden kann und soll. Die bisherigen Erfahrungen des Stadtmuseums mit Wissenschaftsausstellungen im Rahmen von Kooperationen mit der Universität belegen eindeutig die großen Chancen eines solchen Projekts.

 

Aus dieser offenen Situation heraus sollen im Folgenden die kurz-, mittel- und langfristigen Perspektiven des Museums vorgestellt werden. Es handelt sich dabei teils um pragmatische, teils aber auch um konzeptionelle Überlegungen, die die inhaltliche Ausrichtung der Museumsarbeit betreffen.

 

2.) Kurzfristige Perspektive

 

Neue Räume für die Museumsverwaltung

Durch den Archivauszug werden zunächst die Raumprobleme gelöst, unter denen die Museumsverwaltung seit Jahren leidet. Die jetzigen Archivräume im Gebäude Cedernstraße 1 sollen als Büros sowie als Besprechungszimmer und Zwischenlager für Ausstellungen (jetzt Magazinraum der Handbibliothek) genutzt werden. Hierzu sind Bauunterhaltsmaßnahmen erforderlich.

 

Neue Dauerausstellung zu „Kindheit und Familie“

Das Dachgeschoss des Hauses Martin-Luther-Platz 8 dient bislang als Depot für Stilmöbel und als Zwischenlager für Ausstellungen. Nach dem Archivumzug kann der Spitzboden geräumt werden, so dass hier, wie ursprünglich vorgesehen, ein kleiner Ausstellungsbereich mit ca. 80 m² Ausstellungsfläche zum Thema „Kindheit und Familie“ realisiert werden kann. Die Kosten für die geplante Neueinrichtung belaufen sich auf ca. 40.000 € (Schätzwert 500 € pro m²).

 

Verbesserung der Magazinsituation

Das Museum besitzt neben dem museumsnahen Kellermagazin Dreycedern zwei externe Magazine mit einer Lagerfläche von 1.000 m². Über die miserablen Verhältnisse in den Außendepots wurde der KFA am 4.6.2008 unterrichtet. Eine gute Lösung der chronischen Magazinfrage zeichnet sich inzwischen mit der Möglichkeit ab, die unteren Geschosse des
ehemaligen Eon-Verwaltungsgebäudes am Europa-Kanal als Museumsdepot zu nutzen. Über die Planungen kann demnächst gesondert berichtet werden.

 

Personelle Veränderungen, Hausmeisterwohnung, Personalbedarf

In den beiden nächsten Jahren stehen aus Altersgründen drei Neubesetzungen an

  • Verwaltungsleiter (Anteil Stadtmuseum ½ Planstelle, ab 1.4.2012)
  • Hausmeister (ab 1.7.2011)
  • Hausmeisterin (Museumsaufsicht, Reinigung von Museumsobjekten, ab 1.7.2011)

Aus Sicherheitsgründen und wegen der häufigen Abend- und Hofveranstaltungen strebt das Museum an, die jetzige Hausmeisterwohnung Cedernstraße 1 zu erhalten. Gespräche in dieser Richtung sollen demnächst mit dem Gebäudemanagement geführt werden.

 

Noch ungeklärt sind die Konsequenzen des Archivauszugs im Hinblick auf die ehemalige Geschäftszimmerkraft von Amt 45, die jetzt formal Ref. IV zugeordnet ist (geschätzter Arbeitsanteil für das Archiv ca. 60 %, für das Museum ca. 40 %). Falls die Stelleninhaberin zukünftig ganz dem Stadtarchiv zugewiesen wird, entsteht für das Museum Kompensationsbedarf. Zusätzliche Personalressourcen sind dann unumgänglich. Ansonsten besteht gegenwärtig nur im Bereich der Museumspädagogik weiterer Personalbedarf (2 x 5 Wochenstunden).

 

Ausstellungsprogramm zwischen (Stadt-) Geschichte und Wissenschaft

Das Stadtmuseum ist – was die Dauerausstellung, Sammlung und Forschung betrifft – ein stadthistorisches Museum. Auch die vom Museum selbst erarbeiteten jährlichen Schwerpunktausstellungen sowie das ständige museumspädagogische Angebot sind stadtgeschichtlich ausgerichtet.

 

Entsprechend dieser Kernaufgabe wird das Museum in den nächsten Jahren folgende Themen in Form von Ausstellungen und Begleitpublikationen bearbeiten:

2011: Die Industrialisierung in Erlangen

2012: Pioniere der Wissenschaft / Wissenschaftsstadt Erlangen

          Kommen … gehen … bleiben. Zur Geschichte der „Gastarbeiter“ in Erlangen

2013: Erlangen im Nationalsozialismus (im Zusammenhang mit dem Buchprojekt des

          Kulturreferats)

2014: Erlangen im 1. Weltkrieg

Ergänzend werden wie bisher mindestens einmal im Jahr zeit- und kulturhistorische Wanderausstellungen präsentiert, die dem Bildungsauftrag des Museums entsprechen und sich über Erlangen hinaus auch an das regionale Publikum sowie an die Schulen der Region wenden.

 

Die wichtigste Neuerung ist der gezielte Aufbau eines Programmprofils zum Thema „Wissenschaft“. Das Museum kann hier an eine Reihe sehr erfolgreicher Ausstellungskooperationen anknüpfen, die freilich alle ohne längerfristige Programmplanung realisiert werden mussten. Für die dauerhafte Zusammenarbeit mit der Universität bestehen inzwischen sehr günstige Voraussetzungen, da die Universität erst kürzlich eine Kustos-Stelle zur Betreuung der Sammlungen geschaffen hat. Als nächster Schritt sollte ein Kooperationsvertrag zwischen Stadt und Universität folgen.

 

Chancen der Kooperation

Grundlegend für die Konzeption des Programmbereichs „Wissenschaft“ ist die Überzeugung, dass das intellektuelle Potenzial der Universität und die Schätze der Universitätssammlungen für die Museumsarbeit sehr große Chancen bieten, die auch im Rahmen von Kooperationen genutzt werden können. Allerdings werden sich diese Möglichkeiten erst in einem modernisierten und erweiterten Museum richtig entfalten können.

 

3.) Mittelfristige Perspektive

 

Erste Planungen zur Museumserweiterung

Das Anwesen Altstädter Kirchenplatz 7 („Pinoli-Gebäude“) wurde 1985/86 im Rahmen der Neuplanung des Museums- und Archivkomplexes erworben. Angestrebt war ein Neubau zur Museums- und Archiverweiterung, dessen Kosten damals auf 4 – 5 Mill. DM geschätzt wurden. Das Projekt scheiterte teils an der Finanzierung, teils aber auch daran, dass die beabsichtigte Doppelnutzung hier nicht zu realisieren war. Erst die Entscheidung für einen neuen Archivstandort rückte die Museumserweiterung wieder in den Bereich des Möglichen.

 

Ziele der Museumserweiterung

Angestrebt wird der Ausbau des Stadtmuseums hin zu einem Museum von regionaler Bedeutung, das in seiner Sammlungs-, Forschungs- und Vermittlungsarbeit zwar stadthistorisch verankert ist, aber durch seine regelmäßigen Sonderausstellungen zu Themen der Wissenschaft sowie der Zeit- und Kulturgeschichte regionale, gelegentlich auch überregionale Strahlkraft gewinnt.

 

Im Einzelnen soll durch die Museumserweiterung Folgendes erreicht werden:

  • bessere Präsentationsmöglichkeiten für Sonderausstellungen
  • Erweiterung der ständigen Ausstellung zur Stadtgeschichte
  • bessere Außendarstellung der Wissenschaftsstadt Erlangen (Schaufenster für die
    Universitätssammlungen)
  • Modernisierung der antiquierten musealen Infrastruktur (Cafeteria, Museumsshop, Empfangsbereich, Vortragsaal, Infrastruktur für die Hofnutzung, Verbesserung der Logistik)

 

Nutzungskonzept für den Neubau

Das marode Pinoli-Gebäude soll abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt werden, der vor allem als Ausstellungshalle für Sonderausstellungen dient. Benötigt werden 500 – 600 m²  Ausstellungsfläche, die variabel unterteilt werden können (im EG und 1. OG)  Außerdem sollen folgende Funktionen untergebracht werden: ein Bereich für die Museumspädagogik, eine kleine Dauerausstellung („Schaufenster“) zur Wissenschaftsstadt Erlangen, Einrichtungen für die Hofnutzung (Garderobe, WCs, Backstagebereich) sowie Räume für die Museumswerkstatt und Ausstellungstechnik.

 

Gestaltungskonzept für den Neubau

Der Neubau soll sich in das historische Bauensemble einfügen und deshalb straßen- und platzseitig (Altstädter Kirchenplatz) die vorhandenen Trauf- und Firsthöhen aufgreifen. Einen in dieser Hinsicht interessanten Entwurf  hat das Bamberger Architekturbüro Bauernschmitt  bereits 1985/86 vorgelegt. Um das Grundstück (Grundfläche 450 m²) optimal zu nutzen, kann ein Teil des Gebäudes zum Museumshof hin dreigeschossig aufgeführt werden. Rücksichten auf die historische Architektur sind im hofseitigen Bereich kaum erforderlich.

 

Angemessene Nutzung des Barockbaus

Die gegenwärtige Unterbringung der Sonderausstellungen im Hauptgebäude (ehem. Altstädter Rathaus) ist ein Notbehelf, der mit der historischen Architektur im Grunde nicht vereinbar ist. Durch den Bau der Ausstellungshalle können die Sonderausstellungsfunktionen ausgelagert werden, so dass im repräsentativen ersten Obergeschoss (Barocksaal) ein Ausstellungsbereich zur „Barockstadt Erlangen“ eingerichtet werden kann. Außerdem lassen sich die Aufgaben des Foyers nun auf zwei Funktionen beschränken: Es dient als Empfangsraum (mit kleinem Museumsshop) und Vortragssaal, für den großer Bedarf besteht.

 

Kostenschätzung und Planungsbedarf

Die Kosten für den Neubau können bei 4 bis 5 Mio. € vermutet werden, kalkulierte Schätzungen liegen jedoch nicht vor. Seitens der Regierung von Mittelfranken wurde die Bereitschaft signalisiert, das Projekt mit Fördermitteln aus dem Programm „Soziale Stadt“ zu fördern. Die Betriebskosten sind gering, da die Infrastruktur des Museums genutzt werden kann. Zusätzliche Personalkosten entstehen durch den Einsatz weiterer Aufsichtskräfte, u.U. auch durch einen weiteren Museumstechniker (1/2 Planstelle).

 

Mit einem anspruchsvollen und zugleich breitenwirksamen Ausstellungsprogramm könnten bei vorsichtiger Schätzung die Besucherzahlen von gegenwärtig max. 27.000 auf 40.000 - 50.000 Besucher gesteigert werden. Das Museum wird so als „Magnet“ bzw. „Frequenzträger“ in zunehmendem Maß auch zur Entwicklung der Altstadt beitragen.

 

Um solidere Grundlagen für die weitere Diskussion zu schaffen, sollte das Museum in Zusammenarbeit mit dem Gebäudemanagement eine „Machbarkeitsstudie“ ausarbeiten.

 

Museen im Städtevergleich

Ein Blick auf die Statistik verdeutlicht den Handlungsbedarf (Anlagen). Beim Vergleich mit Städten der Region bildet das Stadtmuseum Erlangen das absolute Schlusslicht, was die Größe der Dauerausstellung betrifft. Der Städtevergleich zeigt außerdem, dass keine Großstadt der Region in Museen so wenig investiert wie Erlangen. Museal gesehen ist Erlangen also Entwicklungsland. Das macht andererseits Hoffnung, dass der Entwicklungsrückstand demnächst erkannt und aufgeholt wird.

 

4. Langfristige Perspektive

 

Arrondierung des Museumskarrees

Bereits in den 80er Jahren bestand die Absicht, das Museumskarree langfristig durch den Erwerb des Gebäudes Martin-Luther-Platz 10 zu arrondieren, um die notwendigen Flächen für das damals angestrebte „Stadthistorische Zentrum“ zu schaffen. Auf dieser Grundlage arbeiteten noch 1998 Münchner Architekturstudenten Entwürfe zur Neugestaltung des gesamten Baublocks aus, die im Rahmen einer Museumsausstellung vorgestellt wurden.

 

An der Option, das gesamte Karree für Museumszwecke zu nutzen, sollte unter neuem Vorzeichen aus folgenden Gründen unbedingt festgehalten werden:

  • Bedarf an weiteren Ausstellungsflächen (für den Bereich „Wissenschaftsmuseum“)
  • bessere Erschließung des Gesamtkomplexes (Wege)
  • u.U. Einbindung des Restaurants in den Museumskomplex
  • besserer Besucherservice (Lesesaal mit Präsenzbibliothek, Learningcenter)

 

Das Museumsquartier für Geschichte und Wissenschaft als Leuchtturm

In Fortsetzung der vorgetragenen Gedanken ist der Erwerb des Gebäudes Martin-Luther-Platz 10 der letzte Baustein zur Realisierung einer spartenübergreifenden Museumsarbeit. Denn erst jetzt kann neben dem Bereich „Stadtgeschichte“ auch der Bereich „Wissenschaft“ angemessen in einer eigenen Dauerausstellung präsent werden. Am Ende der Überlegungen steht also die Vision eines „Museumsquartiers“ oder „Museumskarrees“, das sich aus zwei Teilmuseen zur „Stadtgeschichte“ und „Wissenschaft“ zusammensetzt, die durch eine gemeinsamen Ausstellungshalle, Infrastruktur und Leitung sowie durch die programmatische Klammer „Erlangen“ zugehalten werden. Dabei wäre zu prüfen, ob die Trägerschaft des Museums an eine Stiftung oder einen Zweckverband übergehen sollte.

 

Spätestens nach dem Aufbau der Wissenschaftsabteilung wäre das Museum dann ein Leuchtturm, dessen Licht nicht nur in der Region, sondern auch von weiter her sichtbar ist.

 

 

 

Anlagen:
SPD-Fraktionsantrag Nr. 294/2009 vom 01.12.2009

Anlage 1 Lageplan

Anlage 2 Besucherzahlen_Stadtmuseum

Anlage 3 Größenverlgeich

Anlage 4 Städtevergleich